31/08/2026
Lesen!
WIR MÜSSEN AUFHÖREN, DEN SCHMERZ ANDERER MENSCHEN ZU BEWERTEN.
Anfang April habe ich schon einmal über genau dieses Thema geschrieben. Und ganz ehrlich? Ich könnte den Text heute einfach wieder posten, Datum austauschen, fertig. Denn egal, ob es um körperliche Erkrankungen geht, psychische Erkrankungen, Schmerzen, Erschöpfung, Trauma, Behinderung oder einfach um den Satz „Ich kann heute nicht“ – irgendwo sitzt garantiert jemand mit imaginärem Klemmbrett und entscheidet, ob das jetzt wirklich schlimm genug ist. 🙄😂
Und mir fällt das immer wieder in meinen Kommentaren auf. Nicht nur unter meinen eigenen Geschichten. Sondern unter den Geschichten von Menschen, die dort erzählen, dass sie ähnliche Dinge erleben. Da schreibt jemand, dass er nach 50 Metern nicht mehr kann – und der Nächste antwortet: „Also ICH habe dieselbe Diagnose und laufe jeden Tag fünf Kilometer.“ Jemand erzählt, dass er nach dem Duschen erstmal liegen muss – „Also bei MIR geht das.“ Jemand schafft es heute zur Arbeit und morgen nicht – „Aber gestern ging es doch auch.“ Jemand lacht auf einem Foto – „So schlecht kann es dir ja nicht gehen.“ Jemand benutzt einen Rollstuhl, steht aber auf – „Aha.“ Jemand hat Depressionen und schminkt sich – „Na, SO depressiv sieht die aber nicht aus.“
Und jedes Mal denke ich: JA UND?
Was genau beweist mir deine persönliche Belastbarkeit über den Körper eines vollkommen anderen Menschen?
Nichts.
Gar nichts.
Wir tun manchmal wirklich so, als wären Menschen dieselben scheiß Ikea-Regale. Gleiche Bauteile, gleiche Schrauben, gleiche Belastbarkeit, Bedienungsanleitung Seite 14. 😂 Gleiche Diagnose drauf – also bitte auch exakt gleiche Symptome, gleicher Verlauf, gleiche Medikamente, gleiche Schmerzen, gleiche Psyche und möglichst identische Tagesform.
Nur leider sind Menschen keine Serienproduktion.
Zwei Menschen können exakt dieselbe Diagnose haben und zwei vollkommen unterschiedliche Leben führen. Der eine arbeitet Vollzeit, der andere schafft gerade so seinen Alltag. Der eine läuft kilometerweit, der andere nach hundert Metern nicht mehr. Der eine verarbeitet Trauma, indem er funktioniert wie ein Roboter, der andere kann morgens kaum aus dem Bett. Der eine braucht heute keinen Rollstuhl, morgen vielleicht doch. Und keiner davon ist deshalb automatisch stärker, schwächer, ehrlicher oder „kränker“.
Und genau das lese ich gerade wieder überall in den Kommentaren: Wie viele Menschen sich ständig rechtfertigen.
Nicht nur vor Ärzten. Nicht nur vor Arbeitgebern. Nicht nur vor irgendwelchen Fremden.
Irgendwann sogar vor sich selbst.
Das finde ich fast am schlimmsten.
Denn wenn man oft genug hört „Aber gestern ging es doch“, fängt irgendwann der eigene Kopf damit an.
Dann hast du einen guten Tag und denkst: Siehst du. Vielleicht stellst du dich doch an.
Du schaffst etwas, freust dich ungefähr zwölf Sekunden darüber und plötzlich läuft im Kopf schon die interne Gerichtsverhandlung. 😂
Beweisstück A: Ich war heute einkaufen.
Beweisstück B: Ich habe gelacht.
Beweisstück C: Ich konnte eine Stunde arbeiten.
Na dann herzlichen Glückwunsch. Krankheit offenbar offiziell widerrufen. Akte geschlossen. 😂🙄
Und ich kenne diesen Scheiß selbst verdammt gut.
Ich bin früher von der Chemo zum Dreh gefahren. Ich habe gearbeitet, funktioniert, gelächelt, moderiert, Dinge durchgezogen, obwohl mein Körper eigentlich längst „FICK DICH, LEG DICH HIN“ gebrüllt hat. Nicht weil es mir gut ging. Sondern weil ich dachte, dass genau DAS Stärke ist.
Durchhalten.
Nicht jammern.
Weiter.
Und irgendwann hat mein Körper angefangen, Rechnungen zu schicken, die ich bis heute nicht komplett bezahlt habe.
Deshalb macht mich dieses „Aber du funktionierst doch“ mittlerweile so wahnsinnig.
Ja.
Menschen können funktionieren und gleichzeitig komplett am A***h sein.
Menschen können lachen und trotzdem psychisch zerbrechen.
Menschen können arbeiten und trotzdem krank sein.
Menschen können aufstehen und trotzdem einen Rollstuhl brauchen.
Menschen können einen schönen Abend haben und am nächsten Morgen nicht aus dem Bett kommen.
Menschen können gepflegt aussehen, Make-up tragen, Witze reißen, laut sein, frech sein, S*x haben, Urlaub machen, essen gehen, Fotos posten – und trotzdem schwer krank sein.
Krankheit verlangt keine Uniform.
Und Schmerz sieht nicht immer so aus, wie andere Menschen ihn gerne hätten, damit sie ihn ernst nehmen können.
Was mich an den Kommentaren der letzten Tage aber wirklich berührt, ist, wie VIELE geschrieben haben: „Endlich sagt das mal jemand.“ „Ich dachte, nur ich fühle mich so.“ „Ich schäme mich auch.“ „Ich erkläre mich ständig.“ „Ich habe dauernd Angst, dass jemand denkt, ich simuliere.“
Und da denke ich mir: Wie traurig ist das eigentlich?
Da draußen laufen so viele Menschen herum, die nicht nur mit ihrem Körper oder ihrer Psyche kämpfen, sondern zusätzlich permanent Angst haben, dass jemand ihren Kampf nicht für gültig erklärt.
Als bräuchte man für Leid eine Genehmigung.
Als müsste man eine Mindestpunktzahl erreichen.
Herzlichen Glückwunsch, Sie haben heute 87 von 100 Elendspunkten erreicht. Sie dürfen sich jetzt offiziell schlecht fühlen. 😂
Was für ein Schwachsinn.
Und ich glaube, wir müssen auch mit diesem verdammten Wettbewerb aufhören.
„Ich habe das auch und ICH mache trotzdem…“
Okay.
Dann machst du das.
Und vielleicht ist das für DICH möglich.
Aber manchmal klingt dieser Satz eben nicht wie Unterstützung. Manchmal klingt er wie: „Wenn ich das kann, müsstest du es auch können.“
Nein.
Muss niemand.
Vielleicht kostet dieselbe Sache den einen Menschen zehn Prozent seiner Kraft und den anderen neunzig.
Vielleicht geht jemand nach einem Termin nach Hause und macht weiter, während der Nächste davon zwei Tage körperlich oder psychisch komplett zerschossen ist.
Das sieht man nicht.
Aber es ist trotzdem real.
Und Leid ist keine Olympiade.
Es gibt keine Goldmedaille für „Ich habe am längsten funktioniert“.
Keinen Pokal dafür, wer die meisten Schmerzen still ausgehalten hat.
Und auch keine Ehrenurkunde mit Glitzerrahmen für „Hat seinen Körper jahrelang maximal erfolgreich ignoriert“. 😂
Vielleicht sollten wir stattdessen viel öfter einfach glauben, wenn ein Mensch sagt:
„Das ist gerade schwer für mich.“
Nicht: „Aber bei mir…“
Nicht: „Andere haben es schlimmer…“
Nicht: „Gestern konntest du doch…“
Nicht: „So siehst du aber gar nicht aus.“
Einfach:
„Okay. Ich glaube dir.“
Das nimmt uns doch nichts weg.
Aber für den Menschen auf der anderen Seite kann es verdammt viel bedeuten.
Und wenn du dich gerade in diesem Text wiedererkennst, wenn du auch ständig das Gefühl hast, deine Schmerzen, deine Erschöpfung, deine psychische Belastung oder deine Einschränkungen erklären zu müssen, dann bitte versuch wenigstens eine Sache:
Mach dich selbst nicht auch noch zu einem von den Menschen, vor denen du dich ständig rechtfertigen musst.
Du musst nicht erst komplett zusammenbrechen, bevor du Pause machen darfst.
Du musst nicht „krank genug aussehen“.
Du musst nicht beweisen, dass gestern schlechter war als heute.
Und nur weil heute etwas geht, bedeutet das nicht, dass gestern gelogen war oder morgen genauso sein wird.
Ich habe Anfang April darüber geschrieben.
Heute sehe ich unter meinen Posts noch viel deutlicher, wie unglaublich viele Menschen genau damit kämpfen.
Und deshalb werde ich es wahrscheinlich noch hundertmal sagen:
Dein Schmerz wird nicht weniger real, nur weil jemand anderes ihn nicht versteht.
Love,
Myriam 🫶🏼❤️