28/03/2019
YouTube und die EU-Urheberrechtsreform
Wie der Internetgigant sich auf die Seite der Copyright-Piraterie stellt.
(Aus aktuellem Anlass hier nochmal der Artikel aus dem Novemeber 2018)
Das EU Parlament hat sich mal wieder zusammengesetzt. Diesmal ging es um Urheberrechte und das Internet.
Seit bald zwei Jahrzehnten versuchen die Länder der westlichen Welt den Ausverkauf ihrer Popkultur durch die illegale Verbreitung von Musik und Filmen im Internet zu stoppen. Mehr oder weniger erfolgreich. Jetzt kommt das EU Parlament und nimmt sich der Sache an.
Und die Damen und Herren der Nachkriegsgeneration, die zum ganz überwiegenden Teil das Parlament in Straßburg bevölkern – sie haben Ideen. Ein Gesetz soll es nun richten. Beziehungsweise eine Reform-Richtlinie. Hat früher funktioniert, wird wohl auch hier klappen.
Diese Reform sagt im Prinzip in ihrem Artikel 13, dass sich Online Plattformen Lizenzen von Rechteinhabern für Uploads sichern sollen bzw. sicherzustellen haben, dass die hochgeladenen Inhalte nicht gegen Rechte verstoßen.
Klingt doch erst einmal nach der lange vermissten Lösung… oder? Jawohl, sagen die EU Parlamentarier.
Allerdings sind nicht alle von dieser Reform Betroffenen derart zuversichtlich. Die Chefin von YouTube Susan Wojcicki zum Beispiel ruft nun die Nutzer ihrer Plattform zum Protest gegen die Reform auf.
Oder anders gesagt: Hier ruft der Wolf die Schafe zum Protest gegen den Schäfer auf. Denn, so erklärt der Wolf den Schafen, wenn der Schäfer Zäune aufbaut, dann können die Schafe ja nicht mehr frei umherlaufen. Oder wenn der Schäfer sogar einen Hund anschafft, dann sind die Schafe dadurch ja massiv in ihrer Freiheit eingeschränkt.
Frau Wolfcicki bzw. Wojcicki erklärt den Nutzern ihre Weltanschauung so: Da YouTube aufgrund der vielen Millionen Uploads natürlich nicht jeden einzelnen Upload überprüfen kann, muss eine Software dies erledigen. Und diese Software wird dann wohl mit einem viel zu grobem Raster alle möglichen Inhalte herausnehmen. Das wird, laut Frau Wojcicki, dann leider auch harmlose Inhalte wie Lehrvideos, Sprachkurse und so weiter treffen.
Denn es ist für YouTube (Google!!!) natürlich nicht möglich, jetzt ganz schnell eine Software bzw. einen Algorithmus zu entwickeln, der unproblematische Inhalte von problematischen unterscheiden kann.
Moment… gibt es da nicht schon etwas? Ja genau, »Content ID« ist ein von YouTube entwickelter Algorithmus bzw. eine Software auf den die Programmierer wahnsinnig stolz sind. »Content ID« kann in vielen Fällen besser als ein Mensch Musik erkennen, vergleichen und entscheiden ob es sich um ein Plagiat bzw. einen illegalen Upload handelt. YouTube bietet die Leistung dieser Software Plattenfirmen und Musikverlagen an, die ihre Künstler bei YouTube präsentieren möchten, aber nicht wollen, dass diese Inhalte dann auch noch von anderen YouTube Nutzern hochgeladen werden.
Auch in anderen Bereichen ist »Content ID« seit Jahren aktiv und wird stetig weiterentwickelt. Aber gut – Schwam drüber. Mit Kritik am Gesetzgeber und vor allem an der EU Gesetzgebung fährt man halt immer gut. Vor allem, wenn man sich (wie es die YouTube PR Strategie schon im Fall gegen die GEMA vorgesehen hatte) zum Robin Hood der Internet-Community stilisiert.
Natürlich möchte You Tube (Google!) nur, dass alle Menschen sich fröhlich und frei auf der aus Liebe und mit Gemeinsinn heraus entwickelten Webseite YouTube vergnügen dürfen.
Tatsächlich macht You Tube Milliarden mit den Rechten anderer und möchte davon am besten nichts abgeben. Außerdem auch nicht mehr als unbedingt nötig für Schutzinstrumente ausgeben. Bzw. sich nicht von jemand anderem vorschreiben lassen, wie das Schutzniveau für die fremden Rechte denn auszusehen hat.
YouTube verweist darauf, dass die Rechteinhaber ja selber die Möglichkeit haben gegen Verletzungen vorzugehen. Wohlgemerkt Rechteinhaber die evtl. nichts davon wissen, dass ihre Rechte missbraucht werden und dementsprechend einer Nutzung natürlich auch nicht zugestimmt haben.
Das ist dann etwa so als ob der Fischhändler faulen Fisch verkauft und dann gegenüber der Lebensmittelaufsicht darauf verweist, dass der Fisch bitteschön selber für seinen einwandfreien Zustand sorgen möge.
Google und YouTube sind es seit langem gewöhnt, dass das Recht sich in den wirklich entscheidenden Momenten an sie anpasst. »Wollen Sie das Internet an sich verbieten?« lautete mehr als einmal die Frage der Google Anwälte an die Richter, wenn es um Haftungsfragen und Verantwortlichkeiten der Suchmaschine ging.
Und es ist natürlich keine bahnbrechende Idee jetzt den Host-Provider (YouTube »hostet« die Inhalte ja im Prinzip nur) in die Pflicht zu nehmen.
Aber nachdem es sich mehr und mehr zeigt, dass man ohne die Hilfe dieser großen Plattformen die Probleme am Ende nur (und das will niemand) durch eine staatliche Regulierung wie in China tatsächlich in den Griff bekommt, muss man es vielleicht einmal mit dem Ansatz der EU versuchen.
Was ist eure Meinung?
Philipp Vitus Scholl
www.westermann-scholl.de
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