08/09/2022
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Können wir uns durch Antidepressiva nicht mehr verlieben?
Die Depression ist zu einer Volkskrankheit geworden. Die Forschung zeigt, dass es eine hohe Korrelation zwischen Depressionen und Problemen in der Partnerschaft gibt. Es gibt immer wieder Versuche Depressionen in der Paartherapie beizukommen, aber Klassischerweise wird die Erkrankung durch Psychotherapie und auch die Einnahme von Antidepressiva behandelt. Es werden heute so oft Antidepressiva verschrieben wie noch nie. In Mitteleuropa bekommen bis zu 10% der Bevölkerung diese Medikamente. Man müsste also davon ausgehen, dass die Wirksamkeit zweifelsfrei belegt ist. Wenn man sich aber die Forschung zu dem Thema genauer ansieht, dann tauchen eine Menge Fragen auf. Warum beschäftigt mich das Thema als Paartherapeut so? Wie viele Medikamente haben natürlich auch Antidepressiva einige Nebenwirkungen und diese können zum Teil auch sehr gravierend sein und zum Beispiel die Sexualität betreffen. Langzeitfolgen durch die Einnahme dieser Medikamente können Impotenz, Libidoverlust, Ejakulationsstörungen usw. sein. In seltenen Fällen kann es sogar passieren, dass diese Nebenwirkungen auch nach dem Absetzen von Antidepressiva bestehen bleiben. Die New Yorker Anthropologin Helen Fisher beschäftigte sich damit wie sich Antidepressiva auf das Gefühl des Verliebtseins auswirken. Sie geht davon aus, dass die Fähigkeit sich zu verlieben durch Antidepressiva manchmal zurückgeschraubt wird. Der einsame Single nimmt also möglicherweise Antidepressiva weil er einsam und traurig ist und ist in Wirklichkeit nur Single, weil er Antidepressiva nimmt. Zwei Menschen treffen sich und finden sich sympathisch, aber der Funke springt einfach nicht über, weil Antidepressiva nicht nur die negativen Gefühle hemmen, sondern auch die positiven, so die Theorie. Beweise gibt es aber nicht, es sind Vermutungen aufgrund von zusammengesetzten Puzzleteilen. Einfach auf Antidepressiva verzichten sollte man dennoch nicht, sie können im Zweifelsfall Leben retten.
Das Nordic Cochrane Center in Kopenhagen ist ein unabhängiges Forschungszentrum. Diese haben eine große Metastudie gemacht und dabei festgestellt, dass Medikamente zur Behandlung zwar eine Wirkung haben, welche aber nicht unwesentlich höher ist als die von Placebos. Aber auch hier ist wieder zu sagen, dass Antidepressiva bei schweren und mittelgradigen Depressionen durchaus Sinn machen kann, bei leichten allerdings weniger. Es wird zudem immer wieder hervorgehoben, dass Psychotherapie und Antidepressiva etwa die gleiche Wirkung haben. Der Zugang zur Psychotherapie ist allerdings erschwert und die Verschreibung eines Medikaments ist da manchmal einfacher. Es gibt Menschen die nicht auf Psychotherapie ansprechen und es gibt Menschen die nicht auf Antidepressiva ansprechen. Es empfiehlt sich daher auch mal ein Wechsel, wenn eines von beiden nicht die gewünschte Wirkung zeigt.
Die nationale Leitlinie Depressionen kann nicht klar benennen, warum einige Patienten auf Antidepressiva anspringen und andere nicht. Die nationale Leitlinie folgt dem Grundsatz der kritischen Argumente, sieht aber weiterhin eine klinische Relevanz der Antidepressiva als gegeben an, auch wenn die Wirkung auf Placebo oder unspezifische Effekte zurückzuführen und die Wirkungsdifferenz zu Placebos eher klein ist. Und dennoch heißt dies nicht, dass es für den Einzelnen durchaus sehr hilfreich sein kann. Bei leichten depressiven Verstimmungen empfiehlt die Leitlinie ein Gesamtkonzept aus Sport, Lichttherapie und guter Schlafhygiene. Bei mittelgradigen bis schweren Depressionen wird sowohl die Einnahme von Antidepressiva als auch eine Psychotherapie empfohlen. Es wäre auch möglich beides zu kombinieren, wenn man mit den Nebenwirkungen der Antidepressiva gut zurecht kommt.
Es ist einfach wichtig zu wissen, dass Antidepressiva einen negativen Einfluss auf unsere Paarbeziehungen haben können. Es lohnt sich immer Behandlungen bei Unzufriedenheit zu hinterfragen und ins Gespräch mit Therapeuten und Ärzten zu gehen, wenn man auf Dauer einen Leidensdruck verspürt.
Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen unter www.liebeschip.de. Sein drittes Buch „Die neue Dimension der Liebe“ ist gerade erschienen.