15/10/2026
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Sechs Keramiken erzählen eine Geschichte, die weit über hinausreicht.
Was können uns Gegenstände erzählen, wenn wir uns die Zeit nehmen, genauer hinzusehen? Manchmal führen sie uns mitten hinein in die Widersprüche der Geschichte – zu Menschen, deren Lebenswege sich unter ungewöhnlichen Umständen kreuzten.
In Hagen-Eilpe soll sich im Hause der Familie Hartmann ein bemerkenswertes Kaffeekränzchen ereignet haben. Mit dieser Überlieferung verbunden sind Hermann Göring, der Opernsänger Max Lorenz, dessen Ehefrau Charlotte „Lotte“ Appel und die Familie Hartmann. Es ist eine Geschichte, die Fragen über persönliche Beziehungen, Kunst, Macht und Verfolgung während der nationalsozialistischen Diktatur aufwirft.
Auch die Verbindung zu einer Familie, deren Engagement später mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt wurde, gehört zu den Hinweisen, die bei der weiteren Rekonstruktion dieser Geschichte von Bedeutung sein könnten. Welche Rolle die einzelnen Beteiligten dabei spielten, verdient eine sorgfältige historische Einordnung.
Max Lorenz – gefeierter Wagner-Sänger und bedrohtes Privatleben
Max Lorenz gehörte zu den bedeutenden Wagner-Sängern seiner Generation. Seine Karriere führte ihn an große Opernhäuser und zu den Bayreuther Festspielen. Doch sein Leben war von Widersprüchen geprägt: Lorenz war homosexuell und seit 1932 mit der jüdischen Sängerin Charlotte „Lotte“ Appel verheiratet.
Als Lorenz wegen einer Beziehung zu einem Mann strafrechtlich verfolgt wurde, geriet auch seine Stellung bei den Bayreuther Festspielen in Gefahr. Adolf Hi**er soll erklärt haben, Lorenz sei für Bayreuth nicht mehr tragbar. Winifred Wagner soll dem entgegengehalten haben, ohne ihn könne sie die Festspiele praktisch schließen. Schließlich durfte Lorenz weiterhin in Bayreuth auftreten.
Auch seine Ehe mit Lotte Appel stellte das Regime vor einen Konflikt. Lorenz hielt öffentlich zu seiner jüdischen Frau, obwohl sie dadurch der Gefahr nationalsozialistischer Verfolgung ausgesetzt war.
Die Hilfe durch Görings Schwester
Besonders dramatisch wurde die Situation, als SS-Angehörige während der Abwesenheit von Max Lorenz seine Frau und deren Mutter aus der Wohnung abholen wollten.
Lotte Appel konnte über eine Telefonnummer, die sie von Hermann Görings Schwester erhalten hatte, Kontakt zu einer vorgesetzten Stelle aufnehmen. Daraufhin wurde der Zugriff der SS gestoppt.
Am 21. März 1943 stellte Hermann Göring Max Lorenz, dessen Ehefrau und deren Mutter durch ein persönliches Schreiben unter seinen Schutz. Die unmittelbare Bedrohung war damit nicht einfach aus der Welt geschafft. Der Vorgang zeigt jedoch, welche Rolle persönliche Verbindungen und der Einfluss mächtiger Einzelpersonen innerhalb der Diktatur spielen konnten.
Hermann Göring war einer der führenden Nationalsozialisten und zugleich ein leidenschaftlicher Kunstsammler. Gerade diese Verbindung von politischer Macht, Kunstinteresse und persönlichen Beziehungen macht die Geschichte so widersprüchlich.
Die Familie Hartmann in Hagen-Eilpe
Das überlieferte Kaffeekränzchen im Hause der Familie Hartmann bildet einen weiteren Ausgangspunkt für die Spurensuche. Hier treffen die Lebensgeschichten von Menschen aufeinander, deren gesellschaftliche Positionen und Erfahrungen unter der NS-Diktatur kaum unterschiedlicher hätten sein können.
Die Verbindung zwischen Lotte Appel, Max Lorenz und der Familie Hartmann wirft Fragen auf: Wie entstanden diese Kontakte? Welche Rolle spielten persönliche Beziehungen? Und was lässt sich heute noch anhand von Gegenständen, schriftlichen Hinweisen und familiären Überlieferungen nachvollziehen?
Auch der Hinweis auf eine Familie, deren Engagement später mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt wurde, eröffnet eine weitere Spur. Um diese Verbindung historisch belastbar einzuordnen, müssen die beteiligten Personen und ihre jeweiligen Leistungen eindeutig zugeordnet werden.
Gerade solche Details sind wichtig. Sie können aus einer bloßen Erzählung ein nachvollziehbares Stück Regionalgeschichte machen.
Sechs Keramiken aus meinem Bestand
In meinem Bestand aus der Zeit meiner Tätigkeit als Antiquitätenhändler in Hagen befinden sich sechs bemalte Keramiken, die mit dieser Geschichte in Verbindung gebracht werden.
Nach der überlieferten Zuordnung wurden die Stücke von Max Lorenz zwischen 1940 und 1964 bemalt. Sie stehen damit nicht nur für kunsthandwerkliche Arbeiten, sondern werfen auch die Frage auf, welche persönlichen und historischen Geschichten sich hinter ihrer Entstehung verbergen.
Besonders berührend ist eine der letzten Arbeiten, die Max Lorenz zugeschrieben werden. Sie trägt das Datum des 14. Juni 1964. Zu dieser Zeit lag seine Ehefrau Charlotte „Lotte“ Appel im Sterben.
Ob sich diese persönliche Situation unmittelbar in der Bemalung niederschlug, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Doch der zeitliche Zusammenhang verleiht dem Stück eine besondere menschliche Dimension. Hinter der Keramik steht nicht nur ein berühmter Sänger, sondern auch ein Mensch, der sich am Ende eines gemeinsamen Lebens befand.
Auch die mögliche Herkunft der Stücke von der Burg Hohenberg bietet einen weiteren Ansatzpunkt für die Beschäftigung mit ihrer Geschichte. Die Zusammenhänge mit der Keramikproduktion und der späteren Nutzung der Burg werfen zusätzliche Fragen auf, die anhand vorhandener Spuren und Unterlagen untersucht werden müssen.
Was mich als Antiquitätenhändler daran interessiert
Ich habe mehr als zwölf Jahre als Antiquitätenhändler in Hagen gearbeitet und mich immer wieder mit Gegenständen beschäftigt, deren Bedeutung sich nicht auf ihr Alter, ihre Schönheit oder ihren Marktwert reduzieren lässt.
Mich interessiert, was hinter einem Objekt steckt: Wer hat es hergestellt? Wer hat es besessen? Wie ist es von einem Menschen zum nächsten gelangt? Und welche Geschichten lassen sich anhand von Dokumenten, Beschriftungen und historischen Zusammenhängen nachvollziehen?
Gerade bei Nachlässen zeigt sich, wie wichtig diese Fragen sind. Wenn ein Haushalt aufgelöst werden muss, geht es nicht nur um Möbel, Geschirr und einzelne Wertgegenstände. Es geht auch um Erinnerungen, persönliche Lebensgeschichten und die Entscheidung, was erhalten, weitergegeben, bewertet oder neu eingeordnet werden soll.
Durch meine praktische Arbeit vor Ort habe ich erlebt, wie eng Gegenstände mit den Menschen verbunden sind, denen sie gehört haben. Ein vermeintlich unscheinbares Objekt kann eine besondere Geschichte erzählen – vorausgesetzt, man nimmt sich die Zeit, genauer hinzusehen und seine Herkunft zu hinterfragen.
Wenn sich Wohnen und Leben verändern
Ein weiteres Thema gewinnt angesichts des demografischen Wandels zunehmend an Bedeutung: altersbedingte Wohnraumveränderungen.
Viele Menschen, die heute in ihre späteren Lebensjahre kommen, stehen irgendwann vor der Frage, wie sie künftig wohnen möchten und was mit dem über Jahrzehnte angesammelten Hausrat geschehen soll. Ein Umzug in eine kleinere Wohnung, eine Veränderung der Lebenssituation oder der Wunsch, den eigenen Haushalt rechtzeitig zu ordnen, kann zahlreiche Entscheidungen mit sich bringen.
Hier treffen unterschiedliche Fragen aufeinander: Welche Gegenstände besitzen einen materiellen Wert? Welche haben vor allem einen persönlichen Wert? Was soll in der Familie bleiben? Und wie lässt sich ein Haushalt so verändern, dass die eigene Lebensgeschichte respektiert wird, ohne die Betroffenen oder ihre Angehörigen unnötig unter Zeitdruck zu setzen?
Meine Erfahrungen als Antiquitätenhändler und Sachverständiger für Antiquitäten und gehobenen Hausrat, in der Nachlassbearbeitung sowie aus meiner früheren Tätigkeit als Betreuer nach dem Betreuungsgesetz eröffnen mir dabei unterschiedliche Perspektiven. Sie helfen, nicht nur einzelne Gegenstände, sondern auch die Menschen und ihre jeweilige Lebenssituation in den Blick zu nehmen.
Für mich liegt darin eine wichtige Aufgabe: frühzeitig Orientierung zu schaffen, Werte und Erinnerungen zu berücksichtigen und Veränderungen möglichst vorausschauend zu gestalten.
Vom Gegenstand zum Menschen – und vom Menschen zurück zum Gegenstand
Genau hier beginnt für mich die eigentliche Arbeit. Ich möchte nicht einfach alte Dinge anbieten, sondern ihren historischen Zusammenhang sichtbar machen. Manchmal führt eine solche Spurensuche in die regionale Wirtschafts- und Kulturgeschichte, manchmal in die Lebensgeschichte einer Familie – und manchmal mitten hinein in die Widersprüche der deutschen Geschichte.
Die sechs Keramiken sind deshalb für mich mehr als dekorative Gegenstände. Sie sind ein Anlass, Fragen zu stellen, Überlieferungen zu prüfen und Geschichte anhand originaler Objekte begreifbar zu machen.
Denn Geschichte besteht nicht nur aus bekannten Namen und großen Ereignissen. Sie steckt auch in den Dingen, die Menschen hinterlassen haben – und in den Geschichten, die wir noch nicht zu Ende erzählt haben.
Kaffee in Eilpe: sechs Keramiken, eine ungewöhnliche Überlieferung und ein Stück Geschichte, das es verdient, genauer betrachtet zu werden.
Thomas Höfinghofff – und für und gehobenen Hausrat. Langjährige praktische Erfahrung in der Bewertung von Gegenständen, der Bearbeitung von Nachlässen und der Arbeit vor Ort. Ergänzt durch berufliche Erfahrung als Betreuer nach dem Betreuungsgesetz sowie die Auseinandersetzung mit altersbedingten und der Frage, wie sich Wohnen und persönlicher Besitz vorausschauend gestalten lassen. Tätig in Hagen und Umgebung.
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