04/11/2022
und
Ein mieser Deal
Holger Balodis und Dagmar Hühne
Wie viele Menschen werden wohl 124 Jahre alt? Das fragte sich der Versicherungsberater Stefan Heringer als er die Versicherungsverträge eines Ehepaares unter die Lupe nahm. Neben den üblicherweise sehr hohen Kosten fiel ihm auf: Ein Vertrag war zur Verrentung ab Alter 65 vorgesehen, hatte einen garantierten Rentenwert von 14,06 Euro pro 10.000 Euro gespartes Kapital. Das bedeutet: Es dauert über 59 Jahre bis die Kundin das angesparte Geld in Form von monatlichen Rentenzahlungen garantiert wieder raus hat.* Ohne Zinsen. Dann wäre die Kundin 124 Jahre alt. „Das kann doch nicht legal sein – da muss doch ein Rechenfehler drin sein?! Doch, das ist legal – und da ist kein Rechenfehler drin Punkt, Ausrufezeichen.“ So Stefan Heringer im Blog des Ökonomen Hartmut Walz, dem wir dieses Beispiel verdanken (https://hartmutwalz.de/vorsicht-versicherungsvermittler/).
Es ist nicht nur legal, sondern auch völlig normal, dass bei vielen privaten Alterssicherungsprodukten hohe Kosten, verbunden mit abenteuerlichen Annahmen über die Lebenserwartung der Kunden zu extrem miesen Ergebnissen führen. Wir haben dies bereits 2015 in unserem Buch „Garantiert beschissen! Der ganz legale Betrug mit den Lebensversicherungen“ detailliert beschrieben. Und offenbar hat sich wenig geändert. Die jüngsten Zahlen der Aufsichtsbehörde Bafin über das Jahr 2020 belegen das gewohnte Bild: Die kruden Annahmen zum Todesfallrisiko und zur Lebenserwartung der Kunden bringen den Lebensversicherern Überschüsse in Höhe von rund 7,6 Mrd. Euro. Es lohnt sich also, das erwartete Lebensalter der Kunden fiktiv sehr hoch anzusetzen. Das senkt die monatlichen Renten und die Gewinne der Versicherer steigen. Wie sich in der Praxis auswirkt, zeigt das obige Beispiel plastisch. Es gibt aber noch andere in der Öffentlichkeit wenig bekannte Gewinnquellen, z.B. die Kostengewinne. Seit Jahren vermelden die Lebensversicherer stolz, dass sie jährlich Verwaltungsaufwendungen von „nur“ rund 2 Mrd. Euro haben. Den Kunden stellen sie jedoch laufende Kosten in Höhe von rund 5,5 Mrd. Euro in Rechnung. Die sind in den Versicherungsprämien einkalkuliert. Da aber nur rund 2 Mrd. Euro wirklich gebraucht werden, entstehen permanent Überschüsse in Höhe von rund 3,5 Mrd. Euro pro Jahr.**
Und die Kunden? Die schauen meist in die Röhre. Die kümmerliche Überschussbeteiligung sinkt Jahr für Jahr auf neue Tiefstände – während sich die Aktionäre der großen Versicherungskonzerne (z.B. Allianz) über Spitzendividenden freuen dürfen. Apropos Lebensalter: Als bislang älteste Erdbewohnerin gilt die 1997 im Alter von 122 Jahren verstorbene Französin Jeanne Calment.
124 Jahre alt wurde bislang noch niemand.
* Ein Rentenwert von 14,06 Euro bedeutet, dass ein Kunde zum Renteneintritt 14,06 Euro monatliche Rente pro 10.000 Euro des nach Abzug aller Kosten zur Verfügung stehenden Kapitals bekommt. Damit müssen 711,28 Monate mit jeweils 14,06 Euro Rente vergehen, bis ein Sparkapital in Höhe von 10.000 Euro garantiert zurückgeflossen ist. (10.000 : 14,06= 711,28 Monate = 59,27 Jahre).
** Ein Teil der Überschüsse fließt in die RfB, die Rückstellung für Beitragsrückerstattung. Einen eigentumsrechtlichen Anspruch hieraus hat der einzelne Versicherte nicht. Es ist also völlig ungewiss, ob und wann ein Kunde von solchen Überschüssen profitiert.